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Auto- und Zuliefererindustrie in Nordafrika

Auto- und Zuliefererindustrie in Nordafrika

Was steht hinter dem wachsenden Interesse der Autohersteller und deren Zulieferer an der Region?

 

> Amor Dhaouadi

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Seit über einundeinhalb Jahren rollen Low-Cost-Autos vom Band des französischen Autoherstellers Renault am Hafen von Tanger in Marokko in Richtung Europa. In der nächsten Zeit wird auch der Hersteller PSA mit der Marke Peugeot Renault folgen. Gleichzeitig haben Renault und PSA Peugeot angekündigt, in Algerien weitere Produktionsstätten aufzubauen. Die Franzosen sind nicht alleine. Auch die Automobilproduzenten VW, Ford und Toyota haben bereits angekündigt, ebenfalls Fabriken in Algerien zu errichten. Was steht hinter diesem Interesse an den nordafrikanischen Ländern? Welche Vorteile erhoffen sich die Autohersteller von diesem Schritt? Welchen Zwängen unterliegen sie, damit sie diesen Schritt gehen? In diesem Beitrag gehen wir näher auf diese Themen ein.

Warum Nordafrika?

Wenn wir in diesem Artikel über die Länder Nordafrikas reden, konzentrieren wir uns auf die Länder Tunesien, Algerien und Marokko, in denen sich die Geschäftsaktivitäten im Automobilsektor in den letzten und kommenden Jahren vermehrt intensiviert haben und weiter ausgebaut werden.

Das Investmentklima in der Region

Die drei Länder ähneln sich in einigen Aspekten, besitzen jedoch unterschiedliche Profile.

Tunesien und Marokko haben sich, aufgrund ihrer knappen natürlichen Ressourcen wie Erdöl und Erdgas, stets nach aussen geöffnet, um ausländisches Kapital in ihre jeweiligen Länder anzuziehen und zugleich ausländische Märkte für ihre eigenen Produkte und Dienstleistungen zu erschließen. Algerien hingegen ist im direkten Vergleich reich an natürlichen Ressourcen und fühlte sich aus diesem Grund bislang nicht gezwungen, seinen Markt zu öffnen. Dies ändert sich im Moment. Wie wir sehen werden, liegt die Ursache im Preissturz des Erdöls.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden unter anderem die folgenden internationalen Abkommen unterzeichnet:

Tunesien

  • Assoziierungsabkommen mit der EU seit 1998.
  • Seit 1995 ist Tunesien Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO).
  • Investmentschutz: Tunesien ist Mitglied des internationalen Zentrums zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID: International Centre for the Settlement of Investment Disputes). Das Land hat auch das Abkommen zur Anerkennung und Vollstreckung ausländischer Schiedssprüche (Recognition and Enforcement of Foreign Arbitral Awards) unterschrieben.
  • Geistiges Eigentum: Wird in Tunesien anerkannt, so ist das Land Mitglied der WIPO (World Intellectual Property Organisation), der Organisation für den Schutz von geistigem Eigentum, und hat das UNCTAD (United Nations Agreement on the Protection of Patents and Trademarks), das Abkommen der Vereinten Nationen zum Schutz von Patenten und Handelsmarken, unterzeichnet.
  • In ihrem Jahresbericht TI Corruption Perceptions Index (CPI) 2015 stuft Transparency International Tunesien an 76. Stelle im weltweiten Ranking von 168 Ländern ein.

Marokko

  • Assoziierungsabkommen mit der EU seit 2000
  • WTO-Beitritt am 1. Januar 1995
  • Mitglied der World Intellectual Property Organization (WIPO) und eine Anzahl von anderen internationalen Abkommen für den Schutz von geistigem Eigentum.
  • Investmentschutz: Marokko ist Mitglied im International Center for Settlement of Investment Disputes „ICSID“, Mitglied in der Multilateral Investment Guarantee Agency „MIGA“, Mitglied in der Inter-Arab Organization for Investment Guarantee Corporation.
  • In ihrem Jahresbericht TI Corruption Perceptions Index (CPI) 2015 stuft Transparency International Marokko an 88. Stelle im weltweiten Ranking von 168 Ländern ein.

Algerien

  • Das EU-algerische Assoziierungsabkommen wurde im April 2002 unterzeichnet und trat im September 2005 in Kraft. Jedoch wurde dieses Anfang des Jahres 2016 von der algerischen Regierung ausgesetzt.
  • WTO-Beitritt: Algerien gründete hierzu bereits 1987 eine Arbeitsgruppe, deren erstes Treffen 1998 stattfand. Bis heute verhandeln die WTO und die algerische Regierung, das Ende der Verhandlungen ist noch offen.
  • Intellectual Property: Algerien ist seit 1975 Mitglied im WIPO und hat seitdem weitgehende Vereinbarungen unterzeichnet und ratifiziert.
  • Investmentschutz: Im Doing business ranking der Weltbank kommt Algerien lediglich an 163. Stelle von insgesamt 189 Ländern. Auch die zuletzt von der algerischen Regierung gestellte Forderung der 49/51-Beteligungsregelung hat Investoren verschreckt.
  • Algerien unterzeichnete die Verfassung des in Paris ansässigen International Center for the Settlement of Investment Disputes (http://www.worldbank.org/icsid) und ratifizierte den Beitritt (http://arbiter.wipo.int/arbitration) zur New Yorker Convention on Arbitration. Zudem ist Algerien Mitglied der Multilateral Investment Guarantee Agency (http://www.miga.org).
  • Transparency International: im CPI Ranking von 2015 kommt Algerien auf Platz 88 (wie Marokko) von insgesamt 168 Ländern.

Welche Motive stehen hinter dem Interesse der Firmen an Nordafrika?

Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen in allen drei Ländern unterscheiden sich sehr voneinander. Während Algerien über natürliche Ressourcen an Erdgas und Erdöl verfügt, sind Tunesien und Marokko nicht von diesem „Glück“ gesegnet. In Zeiten niedriger Erdölpreise entpuppt sich dieser Jahrzehnte währender Segen jedoch als Fluch. Denn während Marokko und Tunesien seit Jahrzehnten ihre Volkswirtschaften kontinuierlich diversifiziert haben, ist die algerische Wirtschaft stark von den Erdöl- und Erdgasexporten abhängig geblieben.

Die folgende BIP-(Bruttoinlandsprodukt) Aufstellung veranschaulicht deutlich die Unterschiede der drei Länder bei der Diversifikation ihrer Volkswirtschaften.

Tunesien: Landwirtschaft 9,9%, Industrie 29%, Dienstleistungen 61,2%

Marokko: Landwirtschaft 13,8%, Industrie 29%, Dienstleistungen 57,2%

Algerien: Landwirtschaft 10,3%, Industrie 46% (fast ausschließlich Erdölindustrie), Dienstleistungen 43,7%

 

Während Tunesien und Marokko seit vielen Jahren, zwar mit unterschiedlichem Umfang, aber im Resultat ähnlichen Verlauf, daran arbeiten, unter anderem durch die Einrichtung von Industrieclustern und Offshorezonen ihre Industrien zu diversifizieren und weiter zu entwickeln, hat sich Algerien voll und ganz auf den Erdöl- und Erdgas-Industriesektor fokussiert. Sogar im Agrarbereich sind Tunesien und Marokko wesentlich weiter entwickelt als Algerien, das heute 45 Prozent seiner Agrarprodukte aus dem Ausland importierten muss.

 

Wie eingangs erwähnt hat Algerien 2002 ein Assoziierungsabkommen mit der EU geschlossen, mit dem Ziel, dadurch ausländisches Investitionskapital in das Land zu ziehen, den Transfer von Know-how zu fördern und eventuell den europäischen Markt für die eigenen Produkte zu erschließen. Zehn Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens hat die algerische Regierung ihre Unzufriedenheit mit dem Gesamtergebnis dieses Projekts bekundet, welches eigentlich nur der EU genutzt hat und Algerien nicht die erhofften Wirtschaftseffekte brachte.

 

Nach einer detaillierten Bilanzanalyse der wirtschaftlichen Beziehungen mit der EU beschloss die algerische Regierung daher im Februar 2016, alle Freihandelsabkommen mit der EU und den arabischen Ländern einseitig ausser Kraft zu setzen. Diese drakonische Massnahme führte zu vielen Irritationen bei den Importeuren im Land, denn durch diesen Schritt stieg der Preis für Importwaren um bis zu 40 Prozent. Als weitere Massnahme bekräftigte die Regierung das bereits existierende 49/51-Gesetz, nachdem ausländische Investoren nur noch maximal 49 Prozent Anteile an einem in Algerien beheimateten Unternehmen halten dürfen. 51 Prozent der Firmenanteile sollen in lokalen Händen liegen.  

 

Nach Angaben der algerischen Verantwortlichen fällt die Bilanz nach über zehn Jahren Assoziierungsabkommen mit der EU niederschmetternd aus. Denn, während die kumulierten Importe aus der EU von 2005 bis 2014 EUR 195 Milliarden erreichten, betrugen die algerischen Exporte insgesamt lediglich EUR 12,3 Milliarden. Ein Verhältnis von eins zu sechzehn. Auch im Bereich der europäischen Investitionen in dem nordafrikanischen Land wurden zwischen 2002 und 2014 gerade einmal 316 Projekte gestartet, mit einem Gesamtwert von EUR 77,7 Milliarden.

Der Reifegrad der Auto- und Zuliefererindustrie in Nordafrika

Wie bisher geschildert, besitzen alle drei nordafrikanischen Länder unterschiedliche Profile hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Während Tunesien und Marokko sich durch die Freihandelsabkommen mit der EU weitgehend geöffnet haben, blieb Algerien ein eher verschlossener und zugleich auch ein sehr schwieriger Markt.

 

In Tunesien konnten sich überwiegend Unternehmen etablieren, die unter anderem Kabelsätze, Bordnetzsysteme und Bau- bzw. Ersatzteile für die Automobilindustrie in den europäischen Ländern produzieren. Die Firmen Leoni (mit vier Produktionsstätten und insgesamt 12.000 Arbeitsplätzen), Dräxelmeier (mit vier Werken und 9.000 Mitarbeitern in Tunesien) oder die Marquardt-Gruppe (Fertigung von Automobilsystemen und -applikationen sowie Elektrowerkzeugschaltern, Geräteschaltern, Schnappschaltern und Sensoren) sind einige bekannte und renommierte Unternehmen, die seit Jahren und Jahrzehnten in Tunesien ansässig sind. Auch während der Unruhen in dem nordafrikanischen Land in 2011 sind diese Firmen dem Standort treu geblieben, während andere ausländische Firmen dem Land den Rücken gekehrt haben und in Richtung Europa oder Marokko zogen.

 

Diese Firmen geniessen besondere Steuervorteile in Tunesien und haben Zugang zu billigen und hoch qualifizierten Arbeitskräften (mit teilweise subventioniertem Training). Auch die Infrastruktur in den Regionen ihrer Produktionsstätten ist sehr gut ausgebaut. Ein weiterer Vorteil ist die geografische Nähe zu Europa (die Hauptstadt Tunis ist in nur zwei Flugstunden von den grossen europäischen Städten erreichbar). Zusätzlich zu den Kostenvorteilen profitieren die Firmen von der sich immer weiter stabilisierenden politischen Lage in diesem nordafrikanischen Land. Durch die internationalen Abkommen sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Schutz ihres Investments und ihres geistigen Eigentums gegeben.

 

Auf lange Sicht betrachtet wird es dem Land jedoch nicht gelingen, ausgereifte Ecosysteme für die vollständige Fertigung von Kraftfahrzeugen für die ausländischen Märkte zu entwickeln. Hierzu fehlt dem Land die notwendige Zuliefererbasis.

 

In dieser Hinsicht ist Marokko etwas weiter fortgeschritten, auch wenn das Land eine ähnliche Strategie fuhr wie sein Nachbar. Das Land begann schon in den Sechzigerjahren damit, seine Industrialisierungsstrategie voranzutreiben.

 

In den letzten Jahren zeichnete sich in Marokko eine schnelle Beschleunigung dieses Prozesses ab. Die marokkanische Regierung hat in ihrem 2014 aufgesetzten Programm „Industrial Acceleration Strategy“ die Automobilindustrie als eine Schlüsselindustrie für den Export definiert, neben den Luftfahrt-, Pharma-, Erneuerbare Energien und Kabel-Industrien.

 

Bereits früh in 2012 ist der französische Kraftfahrzeughersteller Renault auf den Zug gestiegen und hat sein Werk in der Industrieregion Tanger-Med eingeweiht. Neben seinem Werk in Casablanca hofft Renault darauf, hier jährlich bis zu 400.000 Fahrzeuge fertigen zu können. Das entspricht ca. einem Zehntel des weltweiten Gesamtabsatzes. Diese Steigerung in der Fertigungskapazität von Renault war auch das Motiv seiner wichtigen Zulieferer, ebenfalls Produktionsstätten in das Königreich zu verlagern. Der zweite grosse Automobilhersteller Frankreichs, die Peugeot PSA Gruppe hat angekündigt, ein Werk in Kenitra, einem anderen Industriehub des Landes, zu errichten.

© Philippe Fraysseix - tel 06 81 56 51 28

Tanger-Med Foto © Philippe Fraysseix

Grund für diesen Trend ist einerseits die verlockenden Vorteile, die die Regierung bietet (Steuerbefreiung, Subventionen von Mitarbeitertraining, moderne Infrastruktur, Stromversorgung, Land). Zugleich sind die Personalkosten im Vergleich zu anderen Ländern wie Slowenien, Russland, Türkei oder Rumänien, in denen Renault Fertigungsstätten unterhält, sehr gering. Neben den finanziellen Anreizen bietet das Königreich vor allem politische Stabilität im Vergleich zu seinen Nachbarn in Nordafrika.

 

Durch die Implementierung dieser Strategie der Industrialisierung des Landes ist es Marokko gelungen, seine Deviseneinnahmen aus dem Autoexport auf EUR 4.0 Milliarden im Jahr 2015 zu steigern. Die Autoindustrie ist damit zum wichtigsten Exportsektor des Landes aufgestiegen. Auch der Arbeitsmarkt profitiert von dieser Entwicklung. Bis 2020 möchte die Regierung 500 000 tausend Jobs schaffen.

 

Wie bereits oben geschildert, ist der algerische Markt im Vergleich zu Tunesien und Marokko verschlossen geblieben. Die letzten zwei Jahre haben wir jedoch festgestellt, dass viele Automobilhersteller wie Volkswagen, Ford, Peugeot und andere Interesse an einem Engagement im Land zeigen. Welche Beweggründe und Ziele haben diese Firmen, obwohl das Land schwierige Rahmenbedingungen hat?

 

Die Wirtschaft des Landes hängt sehr von der Erdöl- und Erdgasindustrie ab, und zwar seit geraumer Zeit. Die Automobilindustrie hat sich schon in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts aus dem Land zurückgezogen.

 

In 2014 hat der französische Autohersteller Renault, gestützt von den sehr guten Beziehungen zwischen Paris und Algier, sein Werk in Oran im Osten des Landes eröffnet, mit einer Produktionskapazität von 25.000 Autos im Jahr. Die Renault Algérie Production ist ein Joint Venture zwischen Renault (49%) und dem algerischen Staat (51%). Trotz dieses Schrittes wird es auf absehbare Zeit nicht möglich sein, in Algerien ein Ecosystem für die Produktion von kompletten Fahrzeugen aufzubauen. Die grossen Zulieferer von Renault werden sich nicht in Algerien niederlassen, da hierfür das Absatzvolumen noch zu klein ist. Hinzu kommt das neue Gesetz in Algerien, wonach ausländische Firmen nicht mehr als 49 Prozent der Anteile besitzen dürfen. Auch die fehlenden Arbeitskräfte im Land stellen ein grosses Hindernis für diejenigen ausländischen Firmen dar, die sich in diesem Land niederlassen wollen.

Fazit

Alle drei Länder haben unterschiedliche Profile und Rahmenbedingungen. Sie stehen zugleich vor Herausforderungen, die sie meistern müssen, um erfolgreich ausländische Investoren anzuziehen. Auf den ersten Blick scheint Marokko das Land mit den besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Investment in der Automobil- und Zuliefererindustrie zu sein. Jedoch hat das Königreich ein grosses Problem im Bezug auf qualifizierte Arbeitskräfte. Auf der zweiten IHK-Mittelmeer-Wirtschaftskonferenz Anfang Juni 2016 in Augsburg sagte Marco Wiedemann, Vorstand der Aussenhandelskammer in Marokko, dass 49 Prozent der Jugendlichen in Marokko Schulabbrecher sind. Er riet Firmen dazu, bei ihren Geschäftsplanungen in Marokko spezielle Fachtrainings für ihre Arbeitskräfte einzuplanen, um nicht lange nach qualifizierten Arbeitskräften suchen zu müssen.

 

Dieses Problem scheint Tunesien nicht zu haben. Die tunesische Regierung hat mit der deutschen Regierung und der AHK in Tunis ein Projekt (CORP genannt) aufgesetzt, um arbeitslose Absolventen besser zu schulen und auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Des Weiteren möchte das Bildungsministerium das duale Bildungssystem in Tunesien integrieren, um bessere Chancen für Schüler und Auszubildende anzubieten.
All diese Anstrengungen der Regierungen der nordafrikanischen Länder bringen zwar Jobs für die jungen Arbeitnehmer. Für die Wirtschaft bringen sie jedoch immer noch nicht die Jobs, die den höchsten Mehrwert in der Wertschöpfung erzielen, wie Jobs in der Forschung, der Entwicklung und dem Design. Für die ausländischen Firmen steckt viel Potenzial in der Region, das aufgrund des demografischen Wandels in Europa bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist.