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Die Arabische Welt: ein verkannter Zukunftsmarkt.

Die Arabische Welt

Der Markt, den leider die meisten verkennen

 

> Amor Dhaouadi

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Bei meinem letzten Flug nach Tunis sass neben mir im Flieger ein älteres Paar aus dem Kanton Zug in der Schweiz. Wir haben uns lange über das Wetter in der Schweiz unterhalten und dass es doch besser sei, sich fernab der Heimat zu entspannen und ein schönes und sonniges Wetter zu geniessen. Meine Nachbarin im Flieger sagte mir auch, dass sie und ihr Ehemann sich Gedanken über die Sicherheitslage in Tunesien gemacht haben. Denn jeder Europäer wird fast jeden Tag mit Bildern aus der arabischen Welt bombardiert, die von verschleierten unterdrückten Frauen, von Terror und Kriegen berichten. Sie und ihr Ehemann haben trotzdem den Entschluss gefasst, nach Tunesien zu fliegen, nicht, weil sie fahrlässig handeln, sondern weil sie nicht alles glauben, was in den Medien berichtet und geschrieben wird.

 

Tatsächlich meiden viele Firmen in den westlichen Industrieländern die arabischen Länder bei ihren Betrachtungen, neue Märkte zu erschliessen und/oder Investitionen zu tätigen. Sie ziehen es vor, ferne Länder wie Indien oder China zu berücksichtigen, dabei liegen die Länder Arabiens nur wenige Flugstunden von den Hauptstädten Europas entfernt. Aber warum sollten sich die Firmen hierzulande Gedanken über diese Märkte machen? Welche Potentiale haben diese Märkte tatsächlich? Was müssen Sie beachten, wenn Sie sich auf diese Märkten engagieren wollen? Dies und vieles mehr versuchen wir in diesem Beitrag zu beantworten.

 

Wirtschaftskraft der arabischen Welt

 

Um uns das Marktpotential der arabischen Länder vor Augen zu führen, sollten wir die Wirtschaftskraft dieser Länder im Vergleich zu anderen grossen Volkswirtschaften näher betrachten.

 

Würden wir alle arabischen Länder zusammen nehmen, würden wir insgesamt auf ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von $2.873 Milliarden (2014) kommen. In der Weltrangliste der stärksten Volkswirtschaften der Welt würde demnach die arabische Welt auf den sechsten Rang kommen. Nur die USA, China, Japan, Deutschland und das Vereinigte Königreich schneiden besser ab. Andere Industrieländer wie Frankreich und Italien, aber auch aufstrebende Länder wie Indien, Brasilien, Südafrika oder Russland, alle würden erst dahinter kommen.

GDP-Top10

 

Auch in Bezug auf die Bevölkerung insgesamt kommt die arabische Welt im weltweiten Vergleich mit knapp 392 Millionen Einwohnern auf den dritten Rang hinter China und Indien. Dies ist ein riesengrosser Markt, besonders für Firmen im B2C- (Business-to-Consumer) Bereich.

Die zehn bevölkerungsreichsten Länder der Welt im Vergleich.

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Die Attraktivität des arabischen Marktes wird sehr deutlich, wenn wir die Ausgaben der privaten Haushalte im Verhältnis zum BIP näher betrachten. Demnach geben arabische private Haushalte im Schnitt 44,6 Prozent des BIP in diesen Ländern aus. Zum Vergleich: Die US-Bürger geben ca. 68,4 Prozent ihres BIP aus, die EU-Bürger kommen auf einen Wert von 55,9 Prozent des BIP (alle Werte aus dem Jahr 2014). Die Inder kommen auf 58,0 Prozent. Diese Werte weisen daraufhin, dass die Privathaushalte in den arabischen Ländern noch viel mehr Potenzial nach oben haben als manche anderen Regionen der Welt.

 

Würde man die Arabischen Länder noch weiter unterteilen, z. B. in Reiche und weniger Reiche, ist das Geschäftspotential für Konsumgüterhersteller noch viel grösser als in manchen westlichen Märkten. Demnach haben die Länder Saudi-Arabien (32,2 Prozent), Oman (30,8 Prozent), Katar (14,2 Prozent) und Kuweit (28,0 Prozent) ein Riesenpotential für die Konsumgüterindustrie.

 

Araber sind doch alle gleich – oder doch nicht!

 

Das allgemeine Bild in den westlichen Ländern über Araber oder Muslime ist sehr von Terrorismus, Kriegen, Frauenunterdrückung, Fanatismus, fehlenden Freiheiten und Menschenrechten geprägt. Deshalb merke ich auch in meinen Diskussionen mit vielen Managern eine Skepsis und Zurückhaltung, wenn es darum geht, Geschäfte in der arabischen Welt zu wagen. Dabei wissen die meisten gut informierten Unternehmen, dass die Medien dazu neigen, zu übertreiben, und ein verzerrtes Bild von der arabischen Welt liefern.

 

Auf Veranstaltungen, die ich im letzten und diesem Jahr in Deutschland und der Schweiz besucht habe, habe ich einige Manager getroffen, die bereits in der Region geschäftlich tätig sind. In ihren Reden berichten sie von Gastfreundlichkeit, gegenseitigem Respekt, Frauen in Managementpositionen, Disziplin bei der Arbeit, gebildeter Jugend und vielem mehr.

 

Vijay Mahajan, Marketing-Professor in Texas/USA, hat in seinem Buch „The Arab World Unbound“ über seine Besuche in den Ländern der arabischen Welt berichtet. Mahajan ist der Meinung, dass die arabischen Konsumenten sehr diversifiziert sind. Dies gilt nicht nur für die Golf-Region, wo u. a. Inder, Pakistanis, Asiaten sowie Expats aus den meisten Industrieländern zusammenleben. Auch im Libanon, in Jordanien oder Nordafrika, wo viele Leute einen europäischen Lebensstil pflegen, sind Konsumenten so unterschiedlich wie in westlichen Ländern. Mahajan ist der Überzeugung, dass diese Märkte für westliche und globale Brands noch unerschlossen sind und eine Riesenchance darstellen, um die sinkende Nachfrage in den Industrieländern auszugleichen.

Schulkinder in Bahrain lernen sehr früh, in einer Multi-Kulti-Gesellschaft  zusammen zu leben.

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Die demographische Dividende der jungen Generation

 

In den drei Jahrzehnten nach 1980 hat sich die Bevölkerung in der arabischen Region verdoppelt. Letzten Schätzungen der amerikanischen Statistikbehörde (US Census Bureau) zufolge ist der Anteil der jungen Leute unter 25 Jahren mit 52 Prozent doppelt so hoch ist wie in Westeuropa (26 Prozent), und höher als in China (30,4 Prozent), Indien (45,7 Prozent) und den USA (32,3 Prozent).

Anteil Bevölkerung unter 25 Jahren
Arabische Welt 52%
Westeuropa 26%
China 30,4%
USA 32,3%
Indien 45,7%

Die jungen Menschen in der Arabischen Welt sind gut ausgebildet und haben ein breites Wissen über  weltweite Neuheiten und Nachrichten. Im Gegensatz zu früher sind junge Leute sehr gut vernetzt und beziehen ihre Informationen aus Online-Portalen. Sie sind viel weltoffener als die Generation ihrer Eltern. So kennen sie alle bekannten Marken dieser Welt. Es ist nicht verwunderlich, dass man in vielen arabischen Ländern junge Leute findet, die ein Smartphone von Apple oder Samsung benutzen, ein Auto von Toyota fahren, eine Rolex-Uhr oder Nike-Schuhe  oder auch einen Duft von Armani  tragen oder bei McDonald’s Coca-Cola trinken. Die Sehnsucht nach Weltmarken ist enorm gross.

 

Bessma Momani, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Waterloo in Kanada, schreibt in ihrem Buch „Arab Dawn“ über die demographische Dividende, die die jungen gebildeten Menschen in der arabischen Welt mit sich bringen. Danach sind die jungen Leute viel weltoffener als ihre Eltern, reisen viel um die Welt, sind bereit, westliche Werte in ihrem Leben zu akzeptieren und gleichzeitig wichtige traditionelle, islamische Werte zu behalten. Die junge arabische Generation von Casablanca bis Dubai will nicht mehr fremdbestimmt werden, weder durch ihre Eltern noch durch die Herrscher und Regierenden. Sie wollen über ihre Zukunft mitreden und mitbestimmen, sie wollen auch ihr Schicksal nicht mehr dem Zufall überlassen und sind viel aktiver und denken unternehmerisch.

 

Was noch?

 

In einer Welt, wo wir immer mehr ältere Menschen und weniger Wirtschaftswachstum in den Industrieländern haben, bietet sich für Unternehmen in Europa die Möglichkeit,  die Märkte der arabischen Welt genauer unter die Lupe zu nehmen und entsprechende Strategien für deren Erschliessung zu entwickeln. Viele sehen in den arabischen Märkten einen reinen Konsumentenmarkt ohne Mehrwert.

 

Um diese Märkte erfolgreich zu erschliessen, sollten Unternehmen ihre Produkte an die lokalen Bedürfnisse der Konsumenten anpassen. Hier spielt die heutige, unternehmerisch denkende und gebildete Generation junger Menschen eine entscheidende Rolle beim Design, Marketing und der Innovation. Umfragen zufolge steht die arabische Jugend  westlichen Werten und Lebensformen nicht mehr kritisch gegenüber, wie es noch überwiegend bei ihren Eltern der Fall war. Davon können westliche Unternehmen profitieren, um ihre Produkte und Dienstleistungen erfolgreich und gewinnbringend auf dem Markt zu positionieren.