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Die Diversifizierung der Saudi-Arabischen Wirtschaft

Kriegt das Land noch die Kurve?

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Saudi-Arabien hören? Wahrscheinlich an Ölscheichs mit einer pompösen Lebensweise, oder an verschleierte Frauen, die nicht mal Auto fahren oder alleine reisen dürfen, geschweige denn im öffentlichen Leben aktiv teilnehmen und die Gesellschaft mitgestalten. Da sind Sie nicht alleine mit Ihren Gedanken. Vieles schreckt aus der Ferne betrachtet ab.

 

Wer aber heute hört und liest, was in dem erzkonservativen Land vor sich geht, wird sicher denken, das ist eine Revolution. Wir erklären in diesem Beitrag die Gründe für diesen Wandel, klären auf über die Pläne des Landes, mit seinen Problemen fertig zu werden, und die Risiken, die ein solcher Plan mit sich bringt.

 

Sozio-ökonomische Lage des Landes

Saudi-Arabien ist mit Abstand die grösste Volkswirtschaft in der arabischen Welt und es ist das Land mit der grössten Bevölkerung innerhalb des Golfkooperationsrats (GCC: Gulf Cooperation Council, bestehend aus Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Oman, Katar, Bahrain und Kuwait). Ähnlich wie in anderen arabischen Ländern ist die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten viel schneller gewachsen als das Land verkraften kann.

 

Seit 1970 hat sich die Einwohnerzahl verfünffacht, von damals 6 Millionen auf heute 30 Millionen. 10 Millionen davon sind Gastarbeiter. Diese stellen eine tickende Zeitbombe für die Herrscherfamilie dar. Denn viele von Ihnen, obwohl sie saudische Mütter haben, besitzen keine saudische Staatsangehörigkeit. Auch wenn sie die Möglichkeit haben, auf Staatskosten Schule und Universität zu besuchen, geniessen diese Kinder nicht die volle Anerkennung als vollwertige Bürger. Des Weiteren haben sie keinen Anspruch auf Staatsrente.

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Das Land befindet sich in einer sehr schwierigen Lage, denn zwei Drittel der Gesamtbevölkerung sind unter 30 Jahren. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren liegt bei 30 Prozent. Und das Problem wird sich die nächsten Jahre weiter verschärfen. Denn rund 37 Prozent der saudischen Bevölkerung ist unter 14 Jahre alt. Es wird erwartet, dass über die nächsten 15 Jahre zusätzliche 6 Millionen saudische Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt drängen werden.

 

Nimmt man in Betracht, dass bereits heute circa 90 Prozent der saudischen Arbeitnehmer in Staatsbetrieben und Verwaltung arbeiten und viel mehr verdienen als in der Privatwirtschaft, wird das  Dilemma des saudischen Staats klar. Denn die jungen Leute sind oft unqualifiziert für die Privatwirtschaft; gleichzeitig kann der saudische Staat nicht so viele Arbeitsuchende einstellen.

 

Um die Millionen Arbeitslose zu absorbieren und sie vom Rutschen in den Radikalismus oder soziales Aufbegehren fernzuhalten, müssen tiefgreifende Reformen her. Dies haben die Herrscher begriffen. Der deutsche Bundesnachrichtendienst bezeichnete in einem Bericht Saudi-Arabien als ein Pulverfass in der arabischen Halbinsel.

 

Die Turbulenzen wegen des tiefen Ölpreises und ihre Auswirkungen

Wie seit Jahrzehnten offensichtlich und bekannt ist, ist Erdöl die Haupteinnahmequelle des saudischen Staates. Für die Herrscherfamilie ist dies nicht weiter schlimm, solange der Weltmarktpreis für Erdöl relativ hoch ist, die Nachfrage wächst, und Saudi-Arabien alle Hebel für ihre Marktdominanz in der Hand hält. Diese Marktfaktoren haben sich die letzten zwei Jahrzehnte jedoch verschoben, mit verheerenden Folgen für die grösste Volkswirtschaft der arabischen Welt, und andere erdölexportierende Länder wie Russland.

 

Nehmen wir in Betracht, dass rund 90 Prozent der Exporterlöse des Landes aus dem Petroleumgeschäft stammt, dann wird uns bewusst, wie anfällig der Staatshaushalt für Preisschwankungen des Erdöls auf dem Weltmarkt ist. Hinzu kommt, dass Saudi Arabien der grösste Pro-Kopf-Konsument von Erdöl ist, doppelt so viel wie in den USA. Ohne Öl läuft praktisch gar nichts in Saudi-Arabien. Ganze Industriebereiche (Stahlindustrie, Petrochemische Industrie, Lebensmittelindustrie, Meerwasserentsalzung, um ein paar zu nennen) sowie private Haushalte schlucken fast 30 Prozent der Erdölproduktion des Landes.

 

Diese Abhängigkeit der saudischen Wirtschaft vom Erdölexport und dessen Preisschwankungen auf dem Weltmarkt entwickelten sich für die Herrscherfamilie in Saudi-Arabien zu einem Albtraum während der letzten Jahre. Durch die Ausfälle bei den Erdöleinnahmen aus dem Jahr 2015 erreichte das Haushaltsdefizit des Landes einen Wert von sage und schreibe 15 Prozent des BIP, den höchsten Wert der letzten 30 Jahre. Um das Ausmass dieser Schieflage im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften nachzuvollziehen, betrug das Haushaltsdefizit des arg gebeutelten Griechenlands “nur” 7,5 Prozent in 2015. Auch im Jahr 2016 erreichte das Haushaltsdefizit 11,5 Prozent des BIP, trotz der Anstrengungen der Regierung, den Haushalt zu konsolidieren.

GDP vs OilPrice

Besonders die Verwicklung des Königreichs in den Kriegen in Jemen und Syrien setzen dem Land gewaltig zu. Alleine in 2015 betrugen die Militärausgaben 20 Prozent des Staatshaushalts. Saudi-Arabien ist seit Jahren weltweiter Spitzenreiter in Sachen Militärausrüstung.

 

Um sein Haushaltsdefizit zu finanzieren musste die Regierung in 2015 auf rund 96 Milliarden US Dollar aus seinen Asset Reserven zurückgreifen. Analysten schätzen, dass diese Finanzen in den nächsten Jahren schnell verbraucht werden, wenn der saudische Staat nichts unternimmt, um Herr über seine Haushaltskrise zu werden. Viele Kenner des Landes glauben sogar, dass es schon fast zu spät ist, um die notwendigen Reformen durchzusetzen und das Land zu transformieren.

 

Braucht das Land eine Revolution?

 

Alle Experten sind sich einig, eine radikale Reform muss her und für diese Herausforderung hat sich der Herrscher des Landes, König Salman, für seinen Sohn Mohammed bin Salman (kurz MbS genannt) entschieden. Der Vize-Kronprinz ist 31 Jahre alt. Er verkörpert eine neue Generation von jungen Prinzen, die zwar dynamisch nach der Macht greifen, aber durch ihre Unerfahrenheit sehr gefährlich für die ohnehin unstabile Region des Mittleren Ostens werden kann.

Präsentation der Vision 2030

 

MbS vereinigt so viel Macht wie kein anderer vor ihm in seinem Land. Er ist stellvertretender Kronprinz, zweiter stellvertretender Premierminister, Verteidigungsminister, Generalsekretär am königlichen Hof (er entscheidet wer zu seinem Vater Salman hinein darf oder nicht) und  Chef des neu geschaffenen Wirtschafts- und Entwicklungsrates. Viele bezeichnen ihn deswegen als „Mister Everything“.

 

Im April 2016 stellte MbS die saudi-arabische Vision 2030 vor der Weltpresse vor, mit der sein Land endlich seine Unabhängigkeit vom Erdöl realisieren will. Der ambitionierte Plan scheint für viele Beobachter vielversprechend. Mohammed bin Salman will die Privatwirtschaft stärken, die saudische Aramco an die Börse bringen, die Subventionen kürzen, die Mehrwertsteuer einführen, eine „kleine“ Steuer für Ausländer einführen, Korruption bekämpfen, Staatsfonds gründen.

 

Ist der Wandel zu schaffen?

 

Es ist sicherlich sehr ambitioniert, was MbS und die Saudis in ihrem Land vorhaben. Viele Analysten glauben, dass das Land die nötigen Ressourcen, Dringlichkeit und Talente besitzt, um den Wandel hin zu einer diversifizierten, modernen und vom Erdöl unabhängigen Wirtschaft zu schaffen. Es wird keinen Weg zurück geben.

 

Die grösste Herausforderung für das Königshaus wird allerdings sein, die mit dem wirtschaftlichen Wandel einhergehenden kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen fertig zu werden. Der Weg von einer erzkonservativen, zum Teil archaischen Gesellschaft in einer modernen und offenen Gesellschaft wird schwierig, lang und heftig sein.