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Ein Land mit viel Potential … und noch mehr Bedarf an Reformen

Iran – Ein Land mit viel Potential, und noch mehr Bedarf an Reformen

> Amor Dhaouadi

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Es ist endlich soweit. Am 16. Januar 2016 erklärte die Internationale Energiebehörde IEA in Wien, dass der Iran alle Auflagen für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen erfüllt hat.  Als Geste des guten Willens hat am gleichen Tag die iranische Regierung 3 iranisch-amerikanische Gefangene freigelassen, die vom Iran der Spionage verdächtigt waren. In Washington wurden 7 Iraner auch freigelassen, die wegen Verstosses gegen die Sanktionen verurteilt oder angeklagt waren.

 

In der Wirtschaft, sowohl im Iran als auch in den westlichen Ländern (besonders in den Ländern der DACH-Region, Deutschland, Österreich und der Schweiz) herrscht eine Aufbruchsstimmung. Die Zuversicht der Wirtschaftsbosse ist auch berechtigt, wenn man den Nachholbedarf der islamischen Republik nach jahrelanger Isolation durch die internationale Weltgemeinschaft in Betracht zieht. Das Geschäftspotential für Firmen aus der DACH-Region ist riesig. Und jeder Firmenmanager möchte vom Kuchen was haben.

 

Aber ist denn alles Gold, was glänzt? Ist jedes Investment im Iran sicher? Welche Reformen muss das Land angehen, damit es attraktiv wird für ausländische Investoren wird? Was müssen Sie als Manager und Entscheider beachten, wenn Sie sich in den Iran engagieren wollen? Dieser Artikel soll Antworten für diese Fragen liefern, um Ihnen die Entscheidungsfindung über Ihre Geschäftsziele in diesem Land zu erleichtern.

 

Das Potential

Es steht ausser Zweifel, dass das Geschäftspotential im Iran so gross ist, dass ihn kein Manager ignorieren sollte. Viele grosse Unternehmen stehen bereits in den Startlöchern. Im letzten Jahr waren sowohl der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel als auch die frühere Schweizer Botschafterin Livia Leu in den Iran gereist, um Sondierungsgespräche mit der islamischen Republik zu führen.

 

Für Firmen aus allen Industriebereichen aus der DACH-Region bestehen Riesenchancen, grosse Geschäfte mit dem Iran zu machen. Allein im Öl- und Gassektor plant das Land, bis 2020 umgerechnet $ 185 Milliarden zu investieren, um ihre Produktionskapazitäten auf Vordermann zu bringen. Die Auto- und Pharma-Industrie dürfte auch oben auf der Prioritätenliste stehen. Wegen der Sanktionen fehlen diesen Industrien die nötigen Ersatzteile und Maschinen. Die Autoindustrie ist der zweitgrösste Arbeitgeber des Landes nach der Öl- und Gasindustrie.

 

Als weiterer Zukunftsmarkt sollte der Riesenbedarf im Bereich der Luft- und Raumfahrindustrie darstellen. Wie alle anderen Industriezweige des Landes hat auch die Luft- und Raumfahrtindustrie schwer unter den Wirtschaftssanktionen gelitten. Die USA haben amerikanischen Firmen den Verkauf von Flugzeugen und Ersatzteilen, sowie die Durchführung von Wartungsarbeiten verboten. Dies ist auch einer der Gründe, warum iranische Fluggesellschaften die schlechtesten Noten in Puncto Flugsicherheit haben. Um ihre Flotte zu modernisieren rechnet die staatliche zivile Luftfahrtorganisation des Landes damit, dass der Iran umgerechnet $7,5 Milliarden investieren wird, um jährlich 30 Flugzeuge über die nächsten fünf Jahre zu beschaffen. Dieses Investitionsvolumen öffnet enorme Geschäftsmöglichkeiten für Firmen aus der DACH-Region, sei es im Zuliefergeschäft oder auch im Wartungsbereich.

 

Der Iran hat in den letzten Jahren seine Subventionen für Gas drastisch geändert, um die Staatsausgaben in den Griff zu bekommen. Dadurch ist der Gasverbrauch zurückgegangen, was dazu führte, dass der Regierung genug Gas für die Förderung energieintensiver Industrien zur Verfügung stand. Dies führte auch dazu, dass die Regierung viel Geld sparen konnte, um in die Entwicklung neuer Hightech-Industrien zu investieren.

 

Mit dieser Politik und aufgrund der Sanktionen avancierte das Land zu einem wichtigen Produzenten von Energie (sowohl für den heimischen Markt als auch für die Nachbarländer), Stahl, Zement, Geräte und Maschinen für den Erdölsektor (60% der Geräte und Maschinen kommen aus heimischer Industrie). In diesen Sektoren will das Land weiterwachsen, was weitere Möglichkeiten für europäische Firmen öffnet.

Der Iran in Zahlen

Was macht das Land so attraktiv für Firmen und gleichermassen für Investoren? Sicherlich auch wegen seiner Energievorkommen, aber nicht nur. Das Land verfügt über die viertgrössten Ölreserven und die zweitgrössten Gasreserven weltweit. Aber andererseits hat der Iran eine diversifizierte Volkswirtschaft, im Gegensatz zu anderen Ländern der Region.

 

Die Volkswirtschaft hat ein Brutto Inlandsprodukt (BIP) von ungefähr $ 1,4 Billionen, was das Land den 18. Rang der stärksten Volkswirtschaften der Welt beschert. Trotz der grossen Energiereserven verfügt der Iran über eine diversifizierte Wirtschaft. Fünfzig Prozent (50%) des BIP wird mit Dienstleistungen erzielt, einundvierzig Prozent (41%) mit Industriegütern, und neun Prozent (9%) durch Landwirtschaft. Öl und Gas machen ungefähr ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus, nach inoffiziellen Schätzungen.

Iran-BIP

Ein anderer positiver, aber viel wichtiger Faktor des Landes stellt die Bevölkerung des Landes dar. Das Land hat eine Einwohnerzahl von 80 Millionen, von denen 64 Prozent jünger als 35 Jahren sind. 73 Prozent leben in den Städten, ähnlich wie bei vielen entwickelten Ländern im Westen. Das Median-Alter der Bevölkerung liegt bei gerade 30,1 Jahren (zum Vergleich: dieser Wert beträgt in Deutschland 46,4 Jahre, in der Schweiz 42,5 Jahre und in Österreich 43,5 Jahre).

 

 

Der Iran verfügt auch über eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung. Über alle Bevölkerungsschichten beträgt die Alphabetisierungsrate 87 Prozent. Bei den 15- und 24-Jährigen beträgt sie 98 Prozent. Mit 7,5 Millionen Hochschulabsolventen liegt der Iran an erster Stelle in der gesamten Region des Mittleren Ostens. Dies entspricht 13,3 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung.

 

 

Diese junge ausgebildete Bevölkerung stellt eine sehr gute Ausgangsbasis dar, um das Land erfolgreich in die Zukunft zu führen. Eigentlich sollte das Land ein attraktives Investmentziel für ausländische Investoren sein. Es ist jedoch zu befürchten, dass es einige Jahre noch dauern wird, bis das Land die nötige Basis für ausländische Investitionen geschaffen hat.

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Ein Land mit vielen Hindernissen

Nach letzten inoffiziellen Abschätzungen liegt das Volumen von FDI im Iran bei ca. $ 43 Milliarden. Dies ist sehr weit entfernt von den gesteckten Zielen des Landes, innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren $ 1 Billion ins Land zu holen. Um sein Potenzial zu realisieren, ist der Iran auf die Investitionen aus dem Ausland angewiesen. Im letzten Halbjahr, seit der Einigung mit dem Westen über die Beendigung des Atomstreits im Juli 2015, gab es unterschiedliche Meinungen zum Investitionsklima im Iran. Einige Firmen wollen die Chance nicht verpassen, in den Markt zu drängen und reden über Marktpotenzial und Chancen. Andere mahnen jedoch zur Vorsicht, besonders bei Direktinvestitionen. Letzteres ist aus vielerlei Hinsicht angebracht.

 

Der Iran hat im Laufe der letzten Jahrzehnte nach der Revolution per Gesetz viele Staatsbetriebe privatisiert. Die Privatisierung dieser Firmen war aber nur eine Augenwischerei und führte genau zum Gegenteil des erhofften Effekts. Ahmadinejad verteilte die Aktien der privatisierten Firmen unter dem armen Volk im Rahmen eines Regierungsprogramms, das unter dem Namen «Justice Shares» (Gerechtigkeitsaktien) bekannt war. Die Begünstigten hatten zwar die Aktien, aber keine Erfahrung in der Führung und Aufsicht von Firmen. Ein anderer Teil der Aktien ging an hochrangige Persönlichkeiten, die dem Staat nahestehen, nämlich der Revolutionsgarde und des Militärs.

 

Die Privatisierungsvorhaben von ehemaligen Staatsbetrieben führte zu noch weniger Transparenz, mehr Missmanagement und Ineffizienz dieser Betriebe.

 

Weitere Probleme, die das Land in naher Zukunft in seiner Entwicklung schwer belasten werden, sehen Beobachter in den Bereichen Bürokratie und Korruption. Die Weltbank stuft das Land in seinem jährlichen Ease-of-doing-business-Index auf Rang 136 ein, von insgesamt 189 Ländern. Im Ranking von Transparency International bezüglich Corruption-Perception-Index belegt der Iran Rang 136, von insgesamt 174 Ländern.

 

Auch für den Schutz von geistigem Eigentum tut der Iran vergleichbar wenig. Bei dem Ranking der Property Rights Alliance befindet sich das Land auf Rang 111, von insgesamt 131 Ländern.

Reformstau

Trotz der Attraktivität und des Potenzials des Marktes stellen die oben beschriebenen Indikatoren ernstzunehmende Warnsignale dar, die jeder Investor und jeder Unternehmer bedenken muss, bevor er in den Iran investiert. Das ist aber nur eine einseitige Sicht der Tatsachen im Iran, denn Länder wie China oder Indien sind bei den gleichen Indikatoren nicht viel besser als der Iran. Trotzdem floss und fliesst immer noch Investmentkapital in Milliardenhöhe in diese Länder.

Der Iran kann selber vieles unternehmen, um ausländisches Kapital ins Land zu locken. In einem Artikel für das Magazin «Foreign Affairs» schlagen Cyrus Amir-Mokri und Hamid Biglari mehrere Massnahmen vor, die der Iran beisteuern muss, um frisches Geld aus dem Ausland zu erhalten.

Investmentschutzgesetze

Um sein Potenzial voll schöpfen zu können, muss das Land unbedingt eine Atmosphäre schaffen, die Stabilität und Sicherheit garantiert. Dazu braucht es mindestens Investmentschutzgesetze, die Eigentum (geistiges und physisches) schützt, Verträge durchsetzt, das bankrotte Regime reformiert, starke Unternehmensführung vorantreibt, und Transparenz im Finanzsektor nach internationalen Standards schafft.

Korruptionsbekämpfung

Ein weiteres Problem, das der Iran bekämpfen muss, ist die Korruption. Obwohl dies den Verantwortlichen im Land wohl bewusst ist, konnten sie in der Vergangenheit wenig dagegen unternehmen. Viele bezichtigen die Pasdaran (die Revolutionsgarde im Iran) der Korruption, Beweise haben sie keine. Auch wenn die Bekämpfung der Korruption ein langwieriges Unterfangen ist, Investoren sollen das Gefühl bekommen, dass der Staat dieses Problem ernsthaft bekämpfen will.

Das Bankensystem

Während der Ära des früheren Präsidenten Ahmadinejad haben Banken viel an ihre Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit eingebüsst. Staatsbanken mussten Kredite sowohl an Staatsbetriebe als auch an private Personen vergeben, die enge Beziehungen zur Regierung unterhielten. Die Banken sitzen nun auf faule Kredite im Wert von umgerechnet $ 26 Milliarden.

Im Iran hat sich im Laufe der Jahre ein Schattenbankensystem ausserhalb des regulären Bankensystems gebildet, das die Stabilität des Finanzsystems gefährdet. Dies würde viele ausländische Investoren von einem Investment im Land abschrecken. Iranische Banken müssen in der Lage versetzt werden, ohne Regierungsvorgaben, aber mit einer regulatorischen Aufsicht zu arbeiten, um stabiles Risikomanagement zu fördern.

Echte Privatisierung von Unternehmen

Wie schon oben erklärt, betrieb der Iran bis jetzt eine Scheinprivatisierung seiner ehemaligen Staatsunternehmen. Die so privatisierten Unternehmen befinden sich weiter in den Händen von regierungsnahen Personen oder Institutionen. Um ausländische Investoren für seine Unternehmen zu motivieren, sollte der Staat seine Betriebe von neutralen Experten evaluieren lassen und die schlecht operierenden Unternehmen an Investoren verkaufen und ihnen das Management von solchen Unternehmen überlassen.

Neutrale Zentralbank

Der Iranische Staat sollte nicht zuletzt dafür sorgen, dass die Zentralbank des Landes für mehr Preisstabilität sorgt anstatt die Budgetdefizite der Regierung zu bereinigen. Der Iran wird wenige Investoren finden, die bereit wären, ins Land zu kommen, wenn hohe Inflation und Währungsabwertung drohen.

Wachstum wird kommen, aber Vorsicht ist geboten

Der Weg des Irans von einer geschlossenen zu einer offenen Gesellschaft mit einer offenen Volkswirtschaft ist lang, die ersten Steine wurden zwar gelegt, es bleibt aber noch viel zu tun, wie wir gesehen haben. Die Wachstumsprognosen für die iranische Wirtschaft sind unterschiedlich. Das IWF sagte zuletzt ein Wachstum im Bereich -0,5 bis +0,5 Prozent für das Jahr 2016 voraus.

 

Viele Experten erwarten ein Wachstum von 5 – 8 Prozent nach Ende der Sanktionen. Deshalb bleibt der iranische Markt ein sehr interessanter Markt, trotz Risiken. Der deutsche Chef des AHK in Teheran sagte zuletzt, dass die Aufbruchstimmung im Iran ihn an das Russland der 90er-Jahre erinnere. Viele Unternehmen, die damals Joint-Ventures eingegangen sind, existierten heute nicht mehr.

 

Es wird viele Jahre dauern, bis normale Geschäftsbeziehungen wieder möglich sind. Viele Unternehmen fragen sich jedoch, was sie tun müssen, um den Zug im Iran nicht zu verpassen. In diesem Zusammenhang raten viele dazu, den Markt nicht zu vernachlässigen und die Zeit zu nutzen, sich im Rennen um Geschäfte gut zu positionieren.

 

Ein iranischer Diplomat bringt es mit einer Anekdote auf den Punkt: In der Milchkrise nach dem Krieg gegen den Irak bildeten sich lange Schlangen vor den Geschäften. Irgendwann fingen findige Iraner an, schon am Vorabend ihre leeren Körbe in die Reihe zu stellen. Um an Milch zu kommen, müssten die Leute auch da sein, wenn der Laden aufmachte.

 


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