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Smart Tunisia

Smart Tunisia

Ein Land sucht seinen Weg in eine bessere Zukunft

> Amor Dhaouadi

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Babdiwan

 

Smart Tunisia ist eine Initiative der tunesischen Regierung und dient dem Ziel, die hohe Nachfrage nach hoch qualifizierten ICT-Spezialisten in Europa und Nordamerika zu befriedigen. Welche Maßnahmen sind in dieser Initiative dafür vorgesehen? Gehen diese Maßnahmen weit genug, um auch ausländisches Investmentkapital ins Land zu locken? Was sollte das Land noch tun, um dieses Projekt zum Erfolg zu führen?

 

Seit den Siebzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts hat sich Tunesien als Ziel ausländischer Direktinvestitionen etabliert. Wir finden heute in Tunesien sehr viele Firmen aus dem europäischen und asiatischen Raum, die ihre vollständige oder massgebliche Teile ihrer Wertschöpfungskette in dedizierten Offshorezonen aufgebaut haben und von zahlreichen Vorteilen profitieren.

So entstanden viele Industrie-Cluster, die im Laufe der Jahre in ihrer Zahl und Größe weiter ausgebaut wurden. Wir finden heute insgesamt sechs Industrie-Cluster, verteilt über zehn Industrie-/Technoparks im Norden, Osten und Süden des Landes:

– Lebensmittelindustrien

– Mechanische, elektrische und elektronische Industrien

– ICT-Technologien

– Biotechnologie und Gesundheitsindustrien

– Umwelt und erneuerbare Energien

– Textilindustrien

Das Investmentklima in Tunesien

Seit seiner Unabhängigkeit von Frankreich in 1956 hat sich das Land kontinuierlich weiterentwickelt, mit dem Ziel, seine Wirtschaft zu stärken und ausländisches Kapital anzuziehen. Besonders europäische Firmen profitieren von der geografischen Nähe Tunesiens zu Europa, den qualifizierten Arbeitskräften und günstigen Produktionskosten. Die Regierungen der letzten zwei Jahrzehnte haben eine Politik der Öffnung und der Integration in den Welthandel verfolgt. Seit 1995 ist Tunesien Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Heute sind mehr als 14.136 ausländische Firmen in Tunesien etabliert. Die meisten dieser internationalen Unternehmen haben sich in den Küstenregionen niedergelassen und profitieren von der vorhandenen und ausgebauten Infrastruktur.

Die Regierungen Tunesiens haben sehr viele Maßnahmen ergriffen, um Investitionen und Innovationen in den verschiedenen Industriesektoren zu fördern. Gesteuert wurden diese durch die folgenden Regierungsinstitutionen, um die Förderung von Innovationen und Investment voranzutreiben:

– Agence de Promotion de l’Innovation et de l’Industrie (APII),

– Agence de Promotion des Investissements Agricoles (APIA),

– Foreign Investment Promotion Agency (FIPA).

 

Bezüglich Investmentschutz ist Tunesien Mitglied des Internationalen Zentrums zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID: International Centre for the Settlement of Investment Disputes). Das Land hat auch das Abkommen zur Anerkennung und Vollstreckung ausländischer Schiedssprüche (Recognition and Enforcement of Foreign Arbitral Awards) unterschrieben. Bis zum heutigen Tag ist kein Fall bekannt, in dem ausländische Investoren jegliche Streitigkeiten mit dem tunesischen Staat hatten.

 

Geistiges Eigentum wird in Tunesien anerkannt und geschützt; so ist das Land Mitglied der WIPO (World Intellectual Property Organisation), der Organisation für den Schutz von geistigem Eigentum, und hat das UNCTAD (United Nations Agreement on the Protection of Patents and Trademarks), das Abkommen der Vereinten Nationen zum Schutz von Patenten und Handelsmarken, unterzeichnet.

 

Die Länder der arabischen Welt genießen einen schlechten Ruf hinsichtlich der Korruption und werden aus diesem Grund von zahlreichen Investoren und Firmeneignern bewusst gemieden. Dieses Verhalten basiert einerseits auf Vorurteilen, andererseits auch auf internationalen Berichten, die beispielsweise von Institutionen wie Transparency International (TI) veröffentlicht wurden. In ihrem Jahresbericht TI Corruption Perceptions Index (CPI) 2013 stuft Transparency International Tunesien an achter Stelle im Ranking der arabischen Länder ein, vor seinen Nachbarn Marokko, Algerien und Libyen. Bemerkenswert im Zusammenhang mit dem Thema Korruption ist eine Aussage des US-Außenministeriums in seinem veröffentlichten Jahresbericht 2015 über Tunesien. In diesem steht geschrieben: „Die meisten US-Firmen, die Geschäfte im tunesischen Markt tätigen, sehen in der Korruption kein Hindernis für ausländische Direktinvestitionen“.

Warum und wofür steht die Initiative „Smart Tunisia“?

 

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Das Land durchläuft seit der Flucht des früheren Präsidenten Ben Ali in Januar 2011 eine schwierige soziale und wirtschaftliche Durststrecke. Der Tourismus, eine wichtige Lebensader der tunesischen Wirtschaft, ist nach und wegen der Terrorattacken in 2015 grösstenteils zum Erliegen gekommen. Auch das bestehende Sicherheitsrisiko an der Grenze zu Libyen ist weiterhin existent und hoch. Der politische Prozess im Land hat zwar Fortschritte erzielt, ist aber immer noch nicht stabil. All diese Gründe führten dazu, dass das Investitionsklima in Tunesien sich verschlechtert hat.

 

Trotz dieser trüben Situation hat sich Tunesien sehr widerstandsfähig erwiesen, vergleicht man die Entwicklung des Landes mit den anderen Ländern des sog. arabischen Frühlings, wie beispielsweise Ägypten, Libyen, dem Jemen oder Syrien. Durch seine homogene ethnische Struktur und sein diszipliniertes Militär, aber auch eine solide und reife Zivilgesellschaft, ist es Tunesien gelungen, seine eigene Stabilität in einem sehr spannungsgeladenen Umfeld der Region zu bewahren.

 

Wirtschaftlich betrachtet besitzt das Land eine breit diversifizierte Volkswirtschaft. Denn neben dem Tourismus haben sich auch andere Industriezweige sehr gut etabliert und leisten einen wichtigen Beitrag zur Volkswirtschaft. Die tunesische Wirtschaft basiert auf drei wesentlichen Bereichen: die Landwirtschaft mit 9,9 Prozent des BIP, die Industrie mit 29 Prozent des BIP, und den Dienstleistungen mit 61,1 Prozent des BIP.

BIP-2015

 

Die Erwerbstätigkeit in Tunesien weist auch eine ähnlich diversifizierte Struktur auf wie die Volkswirtschaft. So arbeiten in der Landwirtschaft 15,3 Prozent, in der Industrie 33,6 Prozent und 51 Prozent der Arbeitnehmer in den Sektoren Handel und Dienstleistungen.

Erweb-2015

 

 

Um seine Abhängigkeit von der leicht verwundbaren Tourismusindustrie abzubauen, orientiert sich nun das Land nun neu und versucht dabei, neue Märkte für seine Dienstleistungen zu erschließen. Da kommt die Digitalisierung weiter Teile der Wirtschaft in den Industrieländern sehr gut gelegen. In seinem Regierungsprogramm für die Wahlperiode 2016-2020 rechnet die Regierung vor, bis zu fünfzig tausend neue Arbeitsplätze im Bereich der ICT zu schaffen. Das Programm Smart Tunisia soll den Rahmen dazu schaffen. In einer Pressekonferenz in Oktober 2015 sagte Raouf Mhenni, Präsident von Smart Tunisia, dass sowohl in Europa als auch in Nordamerika umgerechnet eine Million Jobs im ICT-Bereich entstehen werden. Da Tunesien in den nächsten Jahren starke große Konkurrenz aus anderen Ländern der Region wie Marokko, Ägypten, und dem Senegal erwartet, hat sich das Land zum Ziel gesetzt, fünf Prozent des Gesamtvolumens, sprich fünfzig tausend Jobs, in den nächsten fünf Jahren an Land zu ziehen.

 

Das Programm der Regierung besteht aus drei Kernkomponenten:

– Bildung: die Absolventen und Talente auf dem Arbeitsmarkt besitzen zwar ein hohes Bildungsniveau, jedoch sind ihre Sprachkenntnisse jedoch auf einem mittleren Niveau. Weiterhin fehlt es an Soft Skills, nach Ansicht von Raouf Mhenni. Das Arbeitsministerium hat ein Programm aufgelegt, um diese fehlenden Kompetenzen zu beheben.

– Infrastruktur: die Technoparks, die für Smart Tunisia vorgesehen sind, erfüllen alle Anforderungen und Standards in Bezug auf moderne Sicherheit, Telekom- und Informatikinfrastruktur.

–  Gesetzliche Rahmenbedingungen: Die Verantwortlichen in der Regierung sind sich der gesetzlichen Bestimmungen in Europa bewusst, die erfüllt werden müssen, damit Firmen Teile ihrer Dienste nach Tunesien verlagern können. Als Beispiel wird hier das Übereinkommen zum Schutz des Menschen bei der automatischen Verarbeitung personenbezogener Daten (Konvention Nr. 108) erwähnt. Danach dürfen keine personenbezogenen Daten an Drittstaaten transferiert werden, die diese Konvention nicht unterzeichnet haben. Tunesien verpflichtet sich in diesem Programmteil, andere erforderliche gesetzliche Vorgaben und Anforderungen zu erfüllen.

 

Welchen Ansatz verfolgt Smart Tunisia?

Den Verantwortlichen in Tunesien ist bewusst, dass sich das Land nicht nur gegenüber den direkten Konkurrenten in Verzug befindet (Marokko und Ägypten haben schon vorgelegt). Sie wissen auch, dass es nicht so einfach sein wird, Tunesien als einen Hub für ICT-Talente und Start-up-Firmen zu etablieren. Das Land ist bekannt für seine schönen Strände, für sein Olivenöl, für Datteln. Das Land ist auch, wie oben erwähnt, bekannt für seine Offshorefirmen in den Bereichen Textil, Elektronik/Elektroteile, Aeronautik, usw… Obwohl diese Firmen schon länger in Tunesien sind, gelten sie noch immer als eine verlängerte Werkbank ausländischer Firmen aus Italien, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern. Daraus sind aber keine Start-ups hervorgegangen. Und genau hier liegt das eigentliche Problem Tunesiens.

 

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Betrachtet man die hohe Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen, dann sind sich alle Beobachter einig, dass diese vor allem daran liegt, dass die tunesischen Universitäten und Hochschulen Absolventen mit Qualifikationen hervorbringen, die auf dem Arbeitsmarkt gar nicht nachgefragt werden. In einem Fernsehinterview sagte Raouf Mhenni, Präsident von Smart Tunisia, dass bereits heute viele Stellen gar nicht mit Kandidaten besetzt werden können, weil den arbeitssuchenden Uniabsolventen hierzu die nötigen Qualifikationen fehlen. Dies sei besonders spürbar im Bereich der Softwareentwicklung, so die Ansicht von Herrn Mhenni.

 

Wenn die Initiative darauf abzielt, die Offshoremodelle der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts zu kopieren, dann werden wir die gleichen Ergebnisse haben. Es werden nämlich Jobs mit niedrigem Value-Add entstehen. Firmen aus Europa und Nordamerika werden wahrscheinlich nur Teile ihrer Standardsoftware nach Tunesien verlagern, wo sie kostengünstiger entwickelt werden.

 

Um innovative Unternehmen mit Spitzenprodukten hervorzubringen, braucht es weitaus mehr, als nur Technoparks zu bauen. Jungunternehmer finden heute keine Möglichkeiten, ihre Projekte zu finanzieren. Banken sind fast die einzigen Finanzierungsquellen für Start-ups und Jungunternehmer. Es finden auch keine Kooperationen zwischen Firmen aus der Privatwirtschaft und den Schulen und Hochschulen statt. Die Verantwortlichen in Tunesien sollten sich vielleicht in anderen, vergleichbar kleineren wie großen Ländern in Europa und anderswo umschauen, um von ihnen zu lernen. Beispiele finden wir in Finnland, der Schweiz, Deutschland oder Großbritannien.

 

In einem Gespräch mit Herrn Langholz, Projektmanager bei SGE (Switzerland Global Enterprise), sagte er mir: „Wenn ich Firmenmanager wäre und ich würde eine spezialisierte Firma suchen, die mir eine hoch spezialisierte Softwarelösung entwickelt, würde ich sicherlich dorthin gehen, wo bereits ein komplettes Ecosystem installiert ist, damit ich das Bestmögliche bekomme.“

 

Das Land befindet sich seit der Flucht seines früheren Präsidenten im Umbruch, sowohl politisch wie wirtschaftlich und sozial. Es wird ein langer Weg für das Land sein, bis es in der Lage ist, mit Standorten wie in Europa zu konkurrieren. Dazu braucht es weitergehende Reformen in vielen Bereichen, unter anderem in der Bildung, Forschung, Wirtschaftsförderung und im Abbau von Bürokratie. Tunesien besitzt die notwendige Basis, eine junge, gut ausgebildete und motivierte Generation, die bereit ist, zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Firmen aus Europa und Nordamerika können davon profitieren. Besonders in einer Zeit des demografischen Wandels und des Mangels an spezialisierten Fachkräften in Europa könnte Tunesien diese Lücke schließen, wenn es dem Land gelingt, die dazu notwendigen Reformen umzusetzen.


 


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